Gastbeitrag: Die europäische Union – und ihr drohender Verfall. Vom Verlust des Gemeinsinnes hin zur Sinnlosigkeit

Das Anwachsen der Sinnlosigkeit im 20. Jahrhundert ist von einer Verkümmerung des Gemeinsinns – des Vermögens auf das was wir uns gewöhnlich verlassen, um uns in der Welt zu orientieren begleitet.
– Vgl. Hannah Arendt: Vom Leben des Geistes.

Der internationale Zusammenschluss der europäischen Union fand seinen Ursprung in gemeinsamen Idealvorstellungen, friedenserhaltenden Konventionen sowie ethischen Werten, Respekt und Toleranz. Dies in steter Begleitung vom Fortschrittsgedanken, zum Einen des friedlichen und sozialen interstaatlichen Bundes, zum Anderen aber auch von der Idee der sich stets weiterentwickelnden und fortschreitenden Menschheit.

Welch ambitionierte Maßstäbe, an welchen sich der EU-Bürger inspirieren soll, nicht wahr? Nun wirkt dieses Idealbild eines fortschrittlichen Europas mittlerweile nahezu wie eine verklärte und romantische Schwärmerei. Leider scheint der Zusammenhalt der europäisch Union heutzutage vor allem durch weitaus passivere Phänomene gestützt zu werden: nämlich durch Gewohnheit und Tradition.

Es scheint für uns EU-Bürger oft nahezu selbstverständlich, dass wir uns in einem meist friedlichen und auch vergleichsweise wohlständigen Klima tummeln dürfen. Unstimmigkeiten in alltäglichen Politik- und Wirtschaftsangelegenheiten werden zwar sehr wohl diskutiert, aber doch scheint es relativ oft so, dass der Politikverdruss, unendliche bürokratische Maßnahmen oder eine vom Bürger gefühlte Machtlosigkeit Schuld am ergebnislosen Verlauf eines Änderungsversuches sind. Ein verständnisloses Achselzucken und ein ergebenes Hinnehmen ist früher oder später das einzige Resultat.

Es wird auf keinen Fall hier propagiert, dass die Politiker dies willentlich derart handhaben würden, und die Schuld wird auch nicht dem Bürger in seinem liebgewonnenen Trott zugesprochen. Doch wird dies, um erneut die Referenz zu Hannah Arendt aufgreifen zu wollen, früher oder später den Verfall der europäischen Union begründen. Warum?

Nun, der Gemeinsinn eines Bündnisses wie dem der EU orientiert sich an ambitiösen ideellen Wertvorstellungen. Maßstäbe, die mit der Geburtsstunde der Union ins Leben gerufen wurden. Wenn der EU-Bürger sich nunmehr nur aus Gewohnheit dem System „EU“ fügt, ohne den gemeinschaftlichen Sinn und Zweck des Ganzen nachzuvollziehen, wird er den Grund des Funktionierens der Union nie verstehen. Folglich verkennt er somit den Hauptansporn der EU: die gemeinsam angestrebten Wertvorstellungen und Ideale.

Wie soll ein Bürger sich mit seiner EU wahrhaft identifizieren können, wenn ihm jegliches tiefgründiges Verstehen ihres Zwecks verwehrt bleibt? Woran soll er sich dann orientieren? Was stellt für ihn überhaupt den Gemeinsinn der EU dar? Einfach nur einer Tradition aus Gewohnheit, oder einer Gewohnheit aus Tradition nachzugehen, lässt einen den Sinn seines Tuns schnell aus den Augen verlieren. Fehlt das Verständnis, fehlt auch der Sinn, und somit leider ebenfalls Ambition und Ganzherzigkeit, mit der man für sein Ziel einstehen kann. Und genau das wäre tragisch für ein Bündnis, welches auf Mitglieder angewiesen ist, die aktiv und ehrgeizig dazu verhelfen sollen, sich immerzu und fortwährend an das gemeinsame Ideal annähern zu können.

Es wäre demnach vielleicht dann doch nun endlich an der Zeit, der Schulung von Geist und Denken, Moral und Gemeinsinn wieder vermehrt Gewicht zu verleihen, um eben das schädliche lethargische und sinnlose Vegetieren eines passiven Bürgers verhindern zu können! Denken ist eine Notwendigkeit, um Sinn und Zweck des Daseins erkennen zu können. Denn wenn längerfristig die Mehrzahl der europäischen Mitglieder aus passiven Gewohnheitsbürgern besteht, ist das Vergessen des Ideals und Sinn des Zusammenhalts, sowie Stagnation und Verfall die unumgängliche Folge.

Der europäische Gemeinsinn muss daher erneut geschärft werden, um uns den wertvollen Sinn unserer europäischen Union erneut verständlich zu machen, und uns somit die Möglichkeit des Annäherns an das europäische Ideal wieder erstrebenswerter erscheinen lässt. Dem EU-Bürger zunächst erneut zu Schärfung des Verstandes und Denkens zu verhelfen, um Sinn und Motivation in seiner Rolle als aktives Mitglied einer durchaus einzigartigen Gemeinschaft wieder in nachvollziehbare Nähe zu rücken, dies müsste demnach dringlichste Priorität des EU-Wahlkampfes 2014 sein!

Reflexionen verfasst von Nora Schleich, 26. Beendete erfolgreich das Masterstudium in Europäischer moderner und zeitgenössischer Philosophie und widmet sich momentan der Ausarbeitung ihres Promotionsprojektes.

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1 Comment

  1. Wenn ich an Europa denke, denke ich an Griechenland, Finanzkrisen, Schulden und Rettungspakete.
    Denke ich an die Menschen aus ganz Europa die ich kenne, dann denke ich nicht an Europa.
    Und doch sind es diese die Europa ausmachen.
    Irgendwas macht Europa also falsch…

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